Hintergrund

Angry Monk – Reflexionen über Tibet



Angry Monk (2005)


ÜBER DIE IDEE ZUM FILM


Die Entstehung des Dokumentarfilms ANGRY MONK beginnt mit einer Asienreise, die ich 1988 antrat. Geplant waren vier Monate. Am Ende wurden es mehr als drei Jahre. Die meiste Zeit verbrachte ich in Indien und Tibet. Ich reiste durch weite Teile derselben Regionen, die – ohne dass ich es damals wusste – Gendun Choephel (GC), der Protagonist des Films, fünfzig Jahre vor mir durchquert hatte. Wie er war ich in die Fremde aufgebrochen, um zu suchen. Und wie er kehrte ich als Fremder nach Hause zurück. Seither bewege ich mich zwischen zwei Welten – zumindest gedanklich, wenn nicht geografisch.

Diese Erfahrung vertiefte sich auf zwei Wegen. Zum einen durch meine wiederholten Reisen nach Asien. Zum anderen durch die vielen Tibet-Filmreihen, die ich im Zürcher Arthouse-Kino Xenix organisiert habe. Meine Idee war eine möglichst umfassende Auswahl. Dazu gehörten Archivfilme, politische Dokumentarfilme und ethnografische Arbeiten. Ebenso Filme über den tibetischen Buddhismus und den Dalai Lama. Zu meiner Ernüchterung – und Irritation – interessierte sich das Publikum fast nur für diese letzte Kategorie. Ein idealisiertes, oft verzerrtes Bild von Tibet war offenbar attraktiver als die politische Realität. Das war umso überraschender, als Tibet damals häufig in den Nachrichten war. Zwischen 1987 und 1989 kam es in Lhasa wiederholt zu Unruhen. In der Folge wurde Kriegsrecht verhängt. 1989 erhielt der Dalai Lama den Friedensnobelpreis. Die Unterstützung für Tibet erreichte ihren Höhepunkt. Und doch erwies sich der Titel der Filmreihe – Der Mythos Tibet – als treffender, als ich erwartet hatte.

In dieser Zeit veränderte sich auch mein eigener Blick. Aus einer naiven Verklärung wurde eine kritischere Beobachtung. 1998 stiess ich zufällig auf ein Gespräch über Gendun Choephel. Der Gesprächspartner Rakra Tethong war ein ehemaliger Schüler von GC in Lhasa. Jetzt lebte er im Exil in der Schweiz und war der Vater eines tibetischen Freundes von mir. Daraus entstand die Idee, im Rahmen meiner Dissertation in Visueller Anthropologie einen Film über GC zu machen. Endlich begegnete mir ein Tibeter, der existenziell gegen die Enge der Lebensbedingungen in seinem Land antrat. In seinem Leben erkannte ich vieles wieder: die ständige Bewegung, körperlich wie geistig. Und den kritischen Blick auf das eigene Land und die eigene Kultur.


Dharamshala, 1992

Luc Schaedler, Labrang 1989

GESPRÄCH MIT TILL BROCKMANN


Weshalb der Titel «Angry Monk»?
Luc Schaedler: Ein Mönch darf eigentlich nicht «zornig» sein, so gesehen ist der Titel eine Provokation. Das war meine Absicht, denn gerade dieser Widerspruch ist ja auch ein Thema des Filmes. Unsere Wahrnehmung von Tibet entspringt mehr unseren Wunschvorstellungen, als der Realität. Auf Deutsch und Englisch schwingt aber im Titel eine Ironie mit, die in der tibetischen Übersetzung komplett verloren geht. Der Titel, musste ich feststellen, lässt sich nämlich gar nicht richtig auf tibetisch übersetzen. Die Kombination von «angry» und «monk» ist offenbar nicht vorgesehen.

Wieso ein Film über Tibet?
Ich bin sehr viel in Asien gereist und dabei oft auch nach Tibet gekommen, das erste Mal 1989, kurz nach dem Tiananmen-Massaker in Peking – zur gleichen Zeit gab es damals die Volksaufstände in Lhasa. Auch während meines Ethnologiestudiums habe ich mich dann mehrfach und eingehend mit Tibet beschäftigt. Ein Teil von mir bleibt immer auf Reisen, sucht die Auseinandersetzung mit dem Fremden und auch dem Fremdsein. Mein Film ist zweifellos auch ein Weg, um diese persönliche Auseinandersetzung weiterzuführen, ihr eine Form zu geben. Andererseits wollte ich damit auch gezielt in einen Diskurs eingreifen, an einer Diskussion teilnehmen, die seit langem im Westen über Tibet geführt wird.

Weshalb die Form des Roadmovies?
Diese Idee der Reise, des Roadmovies, war von Beginn weg vorhanden. Es macht auch Sinn: Denn das Leben von Gendun Choephel, meiner Hauptfigur, war eine Reise von der Provinz nach Lhasa, von dort ins Ausland und wieder zurück. Abgesehen von dieser äusseren besteht zudem die innere Reise eines Menschen, der geistig immer beweglich, immer «on the road» blieb. Und daneben, wie gesagt, die Tatsache, dass auch ich Tibet als Reisender kennengelernt habe. Eine letzte Ebene ist schliesslich die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, die ja auch eine Art Reise ist: Mein Film bewegt sich hin und her zwischen Gegenwart und Vergangenheit, die sich wechselseitig spiegeln…

Hattest du eine Dreherlaubnis?
Mir war von vornherein klar, dass die Behörden genug Informanten haben und immer wissen würden, was läuft. Weder ganz heimlich zu drehen noch eine offizielle Bewilligung für ein grosses Projekt lagen deshalb im Bereich des Möglichen. Meine Idee war es deshalb, mit einem möglichst kleinen und unauffälligen Team zu arbeiten, nur der Kameramann Filip Zumbrunn und ich. Wir haben uns als Touristen ausgegeben und als videoverrückte Lehrer, die das Material zu Hause mit ihren Schülern anschauen und besprechen wollten. Teilweise haben wir die üblichen Aufnahmen auf dem Markt und im Kloster gemacht, wie sie alle Touristen machen (schmunzelt), doch wir haben auch Glück gehabt: Hätte man uns irgendwann richtig gefilzt, die vielen Videokassetten entdeckt, wer weiss… Andererseits, obwohl viel Chinakritisches im Film ist, war es nie mein Anliegen, einen Film gegen China zu drehen. Mich interessiert vor allem die innere Dynamik von Tibet und da ist China nur einer der Faktoren. Schliesslich bin ich auch der tibetischen Kultur gegenüber kritisch eingestellt.

Was meinst Du damit?
Erstens bin ich sehr kritisch dem gegenüber, wie einseitig Tibet im Westen vereinnahmt wird: Als spiritueller Hort, als geistige Inspiration, bis hin zu Managern, die sich in buddhistischen Klöstern auf die nächsten Globalisierungsverhandlungen vorbereiten, um es etwas überspitzt zu formulieren. Ich glaube, damit schadet man dem Kampf um tibetische Unabhängigkeit, wenn das Land auf ein friedliebendes Pseudoparadies reduziert, nur als «Shangri-la» wahrgenommen wird und wenn man meint, jeder Tibeter habe eine spirituelle Message, eine Lebensweisheit für uns parat. Besonders problematisch scheint mir auch die Verklärung der Vergangenheit – nicht nur im Westen, auch bei den Tibetern selbst.
Dass zum Beispiel knapp 5% der Leute das ganze Land kontrollierten, dass die Vermischung von Religion und Politik, eine teilweise unheilige Allianz zwischen Adel und Klöstern immer wieder nötige Reformen und eine Öffnung gegen aussen verhindert hat, wird gern verschwiegen. Gendun Choepel, aber auch andere, wie der Vorgänger des vierzehnten Dalai Lama, sind mit ihren Reformvorschlägen und einer gewissen Weltoffenheit immer wieder am Widerstand konservativer Kräfte gescheitert, die ihre Privilegien zu verteidigen wussten.

War der kritische Ansatz gesetzt?
Auf jeden Fall! Es gibt unzählige Filme der ungebrochenen Bewunderung über Klöster, über den Lamaismus und auch über die Nomadengesellschaft, die als Überbleibsel einer Jahrhunderte alten, intakten Kultur gefeiert wird. Genauso wenig mag ich diese Politreportagen, die so tun, als sei Tibet eine zerstörte Kultur, komplett am Boden, und jeder Widerstand gegen die Chinesen sei endgültig gebrochen und letztlich zwecklos. Die Situation ist komplizierter und tatsächlich paradox: Einerseits wurde bereits seit dem Einmarsch 1950 und besonders während der Kulturrevolution unvorstellbar viel zerstört, ist man mit vernichtender Akribie bis in die letzten Winkel vorgedrungen. Andererseits beweisen die Tibeter jeden Tag, dass es durchaus ein Leben unter den Chinesen gibt. Sie haben ihre Kultur und Sprache bewahrt und doch mehr hinüber gerettet, als man denkt: Auch viele der Schriftstücke und Bilder von Choephel, die im Film vorkommen, wurden in Tibet bewahrt.

Knnst du das etwas ausführen?
So gesehen ist Gendun Choephel ein Teil dieses «Überlebens» geworden. Die Quintessenz ist, dass man die Tibeter nicht immer nur als Opfer sehen soll, sondern auch als Leute, die es sehr clever geschafft haben, Widerstand zu leisten und auch weiterhin Widerstandsgeist beweisen. Ich wollte auch nie einen rein biografischen Film über Gendun Choephel machen, sondern ich benutze ihn als Schlüssel, um die Geschichte und die komplexe Gegenwart Tibets aufzubrechen. Choephel war ein vielschichtiger Mensch, der für Veränderungen gekämpft hat und zugleich Zeit seines Lebens immer ein Buddhist geblieben ist, der sich nie von seiner eigenen Kultur abgewandt hat. Ausserdem habe ich bewusst nur tibetische Zeitzeugen von damals und jüngere Tibeter von heute über ihn sprechen lassen und alle westlichen Gelehrten und Tibetologen, die ich ursprünglich auch interviewt hatte, am Schluss herausgenommen…

Und wieso fehlt der Dalai Lama?
Oh ja, ganz bewusst. Es wäre wahrscheinlich nicht besonders schwierig gewesen, ein Interview mit ihm zu bekommen. Ich wollte aber nicht, dass seine Präsenz den Film erdrückt und die anderen Interviewpartner in den Hintergrund drängt. Egal, was er über Choephel gesagt hätte, es wäre für viele wie eine Bestätigung dafür, dass der Film gerechtfertigt ist. Das wollte ich nicht, ich wollte keinen «offiziellen Stempel». Ich erachte es als sehr wichtig, dass es eine Paralleldiskussion über Tibet gibt, die sich nicht nur mit der Stimme des Dalai Lama befasst.