FILMKRITIKEN


WISSENSCHAFTLICHE ARTIKEL


DOKTORATSARBEIT (PhD)

«DARSTELLUNG DER QUELLEN UND WEITERER MATERIALIEN»

Abstract: Die Doktoratsarbeit besteht aus einem visuellen und einem schriftlichen Teil – 1. dem Dokumentarfilm «Angry Monk – Reflections on Tibet» und 2. der nahezu vollständigen Darstellung der mündlichen und schriftlichen Quellen, mit denen ich gearbeitet habe: die übersetzten und/oder transkribierten Interviews; Auszüge aus GCs Schriften (in englischer Übersetzung, viele davon erstmals); sowie eine Auswahl von Texten und Akten über GC (namentlich von seinen indischen Freunden und dem britischen Geheimdienst).

Der schriftliche Teil verfolgt eine dreifache Zielsetzung: In erster Linie verstehe ich die folgende Darstellung als Beitrag zur Oral History in Bezug auf die jüngere Geschichte Tibets (1903–51), zur Biographie einer bedeutenden tibetischen Persönlichkeit (GC) und als Reflexion über die gegenwärtige Lage Tibets (und deren Verhältnis zur Vergangenheit). Zweitens halte ich es für wichtig, meine Forschungsmaterialien für weitere Untersuchungen zugänglich zu machen – insbesondere für Kritikerinnen und Kritiker meiner Arbeit. Drittens möchte ich meinen Entscheidungsprozess transparenter gestalten, indem ich die Gesamtheit der Forschungsmaterialien vorlege und meine Auswahlkriterien (Interviews, Texte von GC usw.) kritisch erörtere.

Ein zusätzlicher Vorteil dieser Art von integraler Darstellung meiner Forschungsmaterialien in digitaler Form auf CD-ROM besteht darin, dass sie nun leicht zugänglich sind und andere Forschende dazu ermutigen, sie tatsächlich zu nutzen und in ihre eigenen Arbeiten einzubeziehen (copy/paste). Anders als bei anderen Bildwerken auf DVD, die mit »Bonus-Features« ausgestattet sind (z. B. »The Making of Dead Birds« von Robert Gardner), handelt es sich bei den Bonus-Features (zu denen die vorliegende CD-ROM einen wesentlichen Beitrag leistet) nicht um eine weitere (Vor-)Auswahl durch den Regisseur, sondern um eine umfassendere Weitergabe des Grossteil der Forschungsmaterialien.

Die Auseinandersetzung mit den eigenen Quellen ist zweifellos ein vernachlässigtes Feld in der Anthropologie. Allzu oft werden Gewährsleute (insbesondere in gefilmten Interviews) als »primäre« Quellen betrachtet, obwohl sie es in Wirklichkeit nicht sind. Sie mögen authentische Quellen sein (vor allem wenn man sie auf Film sieht oder auf Tonband hört), doch was sie sagen, ist nicht notwendigerweise wahr oder spiegelt nicht notwendigerweise das wider, was sie tatsächlich denken (Schlumpf, 1996; Jones, 1992). Im Fall eines meiner Interviewpartner, Horkhang Jampa Tendar, erfuhren wir mehr darüber, was sein Vater dachte, als was er selbst tatsächlich denkt. Dies könnte in seinem Fall mehrere mögliche Gründe haben, wobei einer davon sicher der Umstand ist, dass es für ihn – unter chinesischer Herrschaft in Tibet – sicherer ist, uns von dem zu berichten, was sein Vater dachte (Vergangenheit), als von dem, was er selbst denkt (Gegenwart). Hinzu kommt, dass das, worüber manche Gewährsleute berichten, oft nicht von dem beeinflusst wird, was sie tatsächlich wissen oder selbst erlebt haben, sondern von bestimmten Topoi (Themen). Im Fall von GC gibt es mehrere solcher Themen: seine Debattierfähigkeiten, seinen provokativen Stil, seine Neugier, seine Trink- und Rauchgewohnheiten, seinen Umgang mit Prostituierten in Indien usw. In diesem Sinne sind meine »primären« Quellen bereits Teil einer fortwährenden Konstruktion von GC, die durch meinen eigenen Film nur noch beschleunigt wurde. Zudem blicken die meisten der älteren Gewährsleute auf eine Zeit zurück, in der Tibet seine Unabhängigkeit verlor. Im Rückblick erscheinen sie alle kritischer gegenüber ihrer eigenen Vergangenheit, als sie es seinerzeit tatsächlich waren.

Was die Übersetzungen betrifft, die ich von einigen Texten GCs anfertigen liess, bestehen ähnliche Probleme. Da GC sie ursprünglich verfasste, scheinen sie nicht nur authentisches Material zu sein (zu GCs Denken, politischen Ansichten usw.), sondern Primärquellen im eigentlichen Sinne des Wortes. Was jedoch zu berücksichtigen ist: Die Übersetzungen sind nicht die Originaltexte, sondern lediglich Übersetzungen – und in meinem Fall eher »Arbeitsübersetzungen« als »literarische Übersetzungen«. Vieles von der Qualität, die im tibetischen Original zu finden ist, fehlt den englischen Übersetzungen zweifellos. Dies gilt sowohl für GCs erlesenen poetischen Stil (persönliche Mitteilung von Tashi Tsering) als auch für den Inhalt seiner Schriften. Was für viele Tibeterinnen und Tibeter damals »modern« und damit erstaunlich und überraschend war (wie GCs Behauptung, die Erde sei rund und nicht flach), ist heute eine Selbstverständlichkeit. Darüber hinaus wurde die Auswahl der Passagen aus GCs Schriften, die im Folgenden zu finden sind, nicht von GC selbst getroffen, sondern vom Regisseur des Films (mit Unterstützung von Tashi Tsering und anderen). Sie sind keineswegs repräsentativ für das Gesamtwerk von GCs Schriften. Sie spiegeln vielmehr wider, was ich (und andere) für einen Film für wichtig hielt, der versuchte, GC in einen eher politischen und »sozial-rebellischen« Kontext zu stellen. Glücklicherweise sind einige genauere Übersetzungen zugänglich; und hoffentlich werden noch weitere folgen [vgl. Lopez: »The Madman’s Middle Way« (2006) und Huber: »The Guide to India« (2000)].

Dasselbe gilt natürlich auch für die Texte und Akten über GC. Weit davon entfernt, wahrheitsgetreue und objektive Berichte zu sein, verraten sie viel über ihre Verfasserinnen und Verfasser. In ihren Texten ist ein beträchtlicher und leicht erkennbarer »Mehrwert« festzustellen: So sind die britischen Akten etwa voll von antikommunistischer Rhetorik, während die Berichte zweier seiner indischen Freunde (Mukherjee, Krishna) von »unkritischer« Bewunderung für ihren tibetischen Freund durchdrungen sind, der ihnen eine neue Welt eröffnete, als sie 1938 durch Tibet reisten.